• Bianca Cortese (Vaterland)
  • 6. Juni 2026

Smartphone: Wenn Eltern der Geduldsfaden reisst

Artikel erschienen im Vaterland am Samstag, den 6. Juni 2026

Klare Regeln für Smartphone und Social Media durchzusetzen, ist und bleibt für viele Eltern eine Herausforderung. Laut einer aktuellen Schweizer Studie haben vier von fünf Eltern genug vom permanenten Bildschirmkonsum ihres Nachwuchses.

Das Abendessen steht dampfend auf dem Tisch, doch der Blick des Nachwuchses klebt unbeweglich am Bildschirm. Das genervte Plädoyer, nur noch fünf Minuten scrollen oder spielen zu dürfen, gehört in fast jeder Familie zum Standardrepertoire. Dass dieses digitale Dauerfeuer die elterliche Geduld längst zermürbt hat, zeigt der aktuelle AXA-Cybersorgenmonitor 2026 nun schwarz auf weiss: Vier von fünf Müttern und Vätern stufen die tägliche Bildschirmzeit ihrer Kinder als zu hoch ein und haben schlicht genug vom permanenten Onlinesein des Nachwuchses. Obwohl diese Zahlen in der Schweiz erhoben wurden, spiegeln sie die Realität hierzulande eins zu eins wider – denn die Algorithmen von Tiktok, Insta gram und Co. machen an der Grenze nicht halt.

Digitaler Spagat zwischen Chance und Risiko

Das Smartphone erweist sich dabei als klassischer Fluch und Segen zugleich. Einerseits hält es die Jugendlichen mühelos mit ihren Freunden sowie der Familie in Kontakt, bietet Unterhaltung und dient als niederschwelliger Zugang zu Bildung und Information. Auf der Kehrseite befürchten Eltern jedoch, dass soziale Medien unrealistische Schönheitsnormen, manipulative Falschinformationen und eine radikale Verherrlichung von Reichtum und Luxus ungefiltert direkt in die Kinderzimmer spülen. Tatsächlich frisst das digitale Leben bei Kindern mit eigenem Social-Media-Profil bereits ein Viertel der gesamten Freizeit. Dass dies Zündstoff für den Familienalltag liefert, überrascht kaum, denn in knapp 63 Prozent dieser Familien fliegen wegen der Bildschirmzeit regelmässig die Fetzen. Das Kernproblem liegt dabei oft in der Praxis, da über 62 Prozent der Eltern offen zugeben, dass es ihnen schlicht schwerfällt, Social-Media-Regeln konsequent durchzusetzen.

Schritt für Schritt zu mehr Medienkompetenz

Doch wie schlägt man in der Praxis die Brücke von der elterlichen Ratlosigkeit zu funktionierenden Regeln? Auf Nachfrage beim Amt für Soziale Dienste zeigt sich, dass man dort vor allem auf gedruckte Schützenhilfe setzt: Die von der Fachgruppe Medienkompetenz herausgegebenen Broschüren sollen hierbei als praktischer Leitfaden fungieren. Statt auf starre Verbote oder rein technische Sperren zu vertrauen, plädieren die Experten dafür, den Nachwuchs aktiv zu begleiten. Denn Medienkompetenz ist ein Lernprozess, den Kinder erst Schritt für Schritt meistern müssen.
Wie diese Begleitung konkret aussieht, wandelt sich mit dem Alter. Bei jüngeren Kindern bis zum Ende der Primarschule steht vor allem der technische und inhaltliche Schutz im Vordergrund. Hier wird das Einrichten eigener, rechtlich eingeschränkter Benutzerkonten auf dem PC oder Tablet empfohlen, ebenso wie der konsequente Einsatz spezieller Kindersuchmaschinen. Zudem sollten Eltern ein besonderes Augenmerk auf versteckte, unmoderierte Chatfunktionen in scheinbar harmlosen Online-Spielen legen, da diese ein Einfallstor für ungewollte Kontakte sein können.
Mit dem Übertritt in die weiterführenden Schulen ab etwa zehn Jahren fordern Kinder mehr digitale Freiheit und sind eigenständiger online. In dieser Phase verlagert sich die elter liche Pflicht auf die aktive Aufklärung und den gemeinsamen Dialog. Wichtig sind dann Gespräche über die Glaubwürdigkeit von Informationen und Bildern, die anhand von gezielten Fragen kritisch hinterfragt werden sollten. Auch das Recht am eigenen Bild muss thematisiert werden, damit keine Fotos ohne Erlaubnis im Netz landen – ein Grundsatz, der übrigens auch für die Eltern selbst beim Posten von Familienfotos gilt. Ebenso verlangt das Thema Cyber- Mobbing offene Worte über verletzendes Verhalten in Messengern wie Whatsapp sowie das gemeinsame Erkunden von Blockier- und Meldefunktionen direkt in den Apps. Um das Nervenkostüm aller Beteiligten zusätzlich zu schonen, empfiehlt die Fachgruppe feste, handyfreie Auszeiten im Alltag, wie etwa während der gemeinsamen Mahlzeiten oder konsequent über Nacht.

Das unlösbare Dilemma im digitalen Dschungel

Dass diese permanente Erziehungs- und Kontrollarbeit im Alltag enorm kraftraubend ist, offenbart der Studienbericht schonungslos. Weil der Dauerkonflikt am Küchentisch die Familien zermürbt, wird der Ruf nach strengen Regeln von oben immer lauter. Die gesellschaftliche Toleranzgrenze gegenüber den Techkonzernen und der permanenten Ver fügbarkeit ist massiv gesun ken. Mittlerweile unterstützen 88 Prozent der in der Schweiz Befragten ein Smart phone-Verbot an Schulen, und 84 Prozent sprechen sich für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren aus. Auch die radikalste Option, ein generelles, landesweites Verbot der Plattform Tiktok, findet mit 61 Prozent eine deutliche Mehrheit.
Dieser wachsende Wunsch nach staatlichen Verboten ist der unüberhörbare Hilferuf einer Elterngeneration, die es schlicht leid ist, täglich den Internetwächter zu spielen und das WLAN auszuschalten, nur um die vereinbarten Bildschirmzeiten mühsam durchzusetzen. Die Fachgruppe Medienkompetenz liefert hierzu zwar wertvolle, fundierte Denkanstösse, aber das grundlegende Dilemma kann sie Familien nicht abnehmen. Den perfekten Weg durch den digitalen Dschungel gibt es weder in der Schweiz noch hierzulande. Am Ende bleibt den Eltern nur der anspruchsvolle Spagat zwischen klaren Regeln, deren konsequenter Durchsetzung, der nötigen Kontrolle und dem Vertrauen in ihre Kinder in einer zunehmend digitalen Welt.

Artikel im Vaterland

Am Samstag, den 6. Juni ist dieser Artikel im Vaterland erschienen.

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Kategorie/n :
Elternratgeber, Schule