• Antonia Landgraf, Petra Westphal
  • 15. Mai 2026

Eltern in der Beruflichen Orientierung

Beitrag aus:
Schule leiten 44/2026 Berufsorientierung – Wege in die Zukunft

Eltern spielen eine zentrale Rolle im Prozess der Berufsorientierung. Doch welche Unterstützung wünschen sich Jugendliche wirklich – und wie können Schulen Eltern gezielt einbinden, ohne die Selbstständigkeit der Jugendlichen zu beeinträchtigen? Neue Forschungsergebnisse geben Antworten.

Der erfolgreiche Übergang von der Schule in eine nachschulische Ausbildung ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter. Bei dieser Aufgabe sind Eltern wichtige Bezugspersonen, wenn es um Fragen der beruflichen Zukunft geht, und zählen aus Sicht der Jugendlichen zu den wichtigsten Gesprächspartner:innen im Berufsorientierungsprozess (Barlovic, Ullrich & Wieland 2024). Gleichzeitig berichten Eltern, insbesondere von Kindern an Haupt- und Realschulen, dass sie die Berufliche Orientierung ihrer Kinder stark beschäftigt (Calmbach & Schleer 2020). So rückt die Frage in den Vordergrund, wie Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl konkret unterstützen und welche Formen dieser Unterstützung Jugendliche sich wünschen.

Wie unterstützen Eltern, und was wünschen Jugendliche?

Um die theoretischen Ansätze und empirischen Befunde zum elterlichen Unterstützungsverhalten im Berufsorientierungsprozess zusammenzufassen, haben Bührmann, Kracke, Landgraf & Langner (2022) das Modell zur elterlichen Berufswahlbegleitungskompetenz1 entwickelt, das zentrale Unterstützungsformen systematisch in vier Kompetenzbereichen bündelt. Diese vier Bereiche – emotionale, sachorientierte und instrumentelle Unterstützung sowie Dezentrierung – erfassen diejenigen elterlichen Verhaltensweisen, die Jugendliche im Berufsorientierungsprozess erleben und bewerten.

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Um die Perspektive der Jugendlichen auf die Unterstützung ihrer Eltern zu erfassen, wurde im Rahmen des Projektes BO4P eine Studie durchgeführt, bei der mehr als 1.543 Jugendliche an weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg befragt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche die vier Kompetenzbereiche der elterlichen Berufswahlbegleitung als unterschiedlich wichtig für ihre eigene Berufswahl einordnen.

Kompetenzbereiche elterlicher Berufswahlbegleitung

1. Emotionale Unterstützung

Die emotionale Unterstützungskompetenz (Landgraf et al. 2025) umfasst Wertschätzung, Vertrauen, Empathie und Zuwendung, die Eltern ihren Kindern entgegenbringen, sowie die Fähigkeit, eine verlässliche und ermutigende Beziehung in Fragen der Berufswahl zu gestalten. Dazu gehört auch, Jugendliche anzuregen, über ihre Interessen, Fähigkeiten und Erfahrungen nachzudenken und darüber gemeinsam zu reflektieren. Von Jugendlichen wird die emotionale Unterstützung als besonders bedeutsam wahrgenommen. Sie wünschen sich hier vor allem, in ihren Wünschen und Zukunftsplänen ernst genommen zu werden, über Sorgen und Unsicherheiten sprechen zu können und von ihren Eltern ermutigt zu werden, eigene Wege zu erproben.

Besonders relevant ist für sie dabei, von den Eltern bei Problemen unterstützt zu werden (M = 4,15, SD = 1,09)2 und zu erleben, dass diese ihre beruflichen Wünsche kennen und verstehen (M = 4,16, SD = 1,12). Sie wünschen sich, dass ihre Eltern „an ihrer Seite stehen“, sie „bei allem unterstützen“ und ihnen „vom Bewerben bis zum Ausbildungsvertrag beistehen“. Emotionale Präsenz und das Gefühl, ernst genommen zu werden, sind damit zentrale Faktoren, die Jugendliche sich von ihren Eltern wünschen.

2. Sachorientierte Unterstützung

Die sachorientierte Unterstützungskompetenz (ebd.) adressiert die wissensbezogenen Ressourcen, die Eltern zur Verfügung stellen. Sie umfasst das Wissen über Ausbildungswege, Berufsbilder und Informationsangebote sowie die Bereitschaft, dieses Wissen mit den Kindern zu teilen und gemeinsam Informationen zu recherchieren. Von Jugendlichen wird sie als eher wichtig bewertet (M =3,37, SD = 0,97), liegt aber deutlich unter der emotionalen Unterstützung. Allerdings zeigen sich hier schulformspezifische Unterschiede: An Haupt- und Realschulen wird der Bedarf nach Wissen und Informationen über die Berufswelt signifikant höher eingeschätzt als an Gymnasien.

3. Instrumentelle Unterstützung

Die instrumentelle Unterstützungskompetenz (ebd.) bezieht sich auf konkrete Aktivitäten, mit denen Eltern ihre Kinder im Berufswahlprozess begleiten. Dazu zählen gemeinsame berufswahlbezogene Unternehmungen, wie der Besuch von Berufsmessen, Beratungsangeboten oder Elternabenden, ebenso wie das gemeinsame Vorbereiten von Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen oder das Öffnen eigener Netzwerke für Praktika und Einblicke in Berufe.

Entscheidend ist dabei der Charakter der „Hilfe zur Selbsthilfe“: Jugendliche profitieren besonders dann von der Unterstützung, wenn Eltern sie anleiten, ermutigen und begleiten, nicht jedoch, wenn Eltern zentrale Aufgaben vollständig übernehmen. Die instrumentelle Unterstützung wird von Jugendlichen insgesamt als weniger wichtig empfunden (M = 2,89, SD = 1,02).

Auch hier gibt es schulformabhängige Unterschiede: Schüler:innen an Hauptschulen wünschen sich instrumentelle Unterstützung deutlich häufiger als ihre Peers an Gymnasien. Zudem zeigt sich, dass die Bedeutung instrumenteller Unterstützung zwischen der 9. und 10. Klasse signifikant abnimmt, was auf eine zunehmende Autonomieentwicklung hinweist.

4. Dezentrierung

Die Dezentrierungskompetenz (ebd.) schließlich beschreibt die Fähigkeit von Eltern, eigene Wünsche, Erwartungen und Werte hinsichtlich der Bildungs- und Berufswege ihres Kindes zugunsten der Vorstellungen und Bedürfnisse des Kindes zurückzustellen. Dazu gehört, offen für die Berufswünsche des Kindes zu bleiben, unterschiedliche Optionen gemeinsam zu besprechen und auch dann unterstützend präsent und offen zu sein, wenn die Pläne des Kindes nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.

Aus Sicht der Jugendlichen spielt die Dezentrierungskompetenz eine zentrale Rolle. Sie wünschen sich von ihren Eltern Unterstützung, die ihnen Freiraum lässt, eigene Entscheidungen zu treffen, anstatt Vorgaben oder Druck. Dabei wird besonders geschätzt, wenn Eltern Interesse zeigen, über berufliche Pläne sprechen und bei Bedarf beratend zur Seite stehen, ohne die Richtung vorzugeben.

Insgesamt wünschen sich Jugendliche eine Balance zwischen elterlicher Begleitung und ihrer eigenen Selbstständigkeit im Berufswahlprozess.

Indirekte Formate als ein Weg der Elterneinbindung

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Jugendliche sich eine gezielte, aber nicht übersteuernde Unterstützung wünschen, die ihre Autonomie respektiert und emotional sowie informativ begleitet. Dies legt nahe, dass Schulen neben der direkten Einbindung der Eltern in Berufsorientierungsmaßnahmen über bspw. Themenabende, Elterncafés oder Elterngespräche auch die Möglichkeiten der indirekten Elterneinbindung über die Jugendlichen zielgerichtet nutzen sollten.

Schule wird von Eltern als die Institution wahrgenommen, die einen Großteil des beruflichen Orientierungs- und Entscheidungsprozesses der Jugendlichen begleitet und gestaltet. Schule genießt an dieser Stelle ein großes Vertrauen der Eltern, eine orientierungs- und sicherheitsgebende Struktur für den gesamten Prozess zu bieten (IAW 2017).

Eine Möglichkeit der indirekten Elterneinbindung erfolgt über die gezielte Mitwirkung der Schüler:innen bei der Vor- und Nachbereitung von direkten Formaten. Die Logik eines familiären Miteinanders bleibt dabei erhalten, und für beide Seiten kann die Elterneinbindung so sinnhaft erscheinen und einen konkreten Nutzen bieten. 

Die Elterneinbindung erscheint so nicht mehr als isolierte Einzelmaßnahme, sondern bietet Gelegenheit für Gesprächsanlässe zu Hause. In allen Maßnahmen des Projektes BO4P wurde Wert darauf gelegt, Eltern und Schüler:innen gemeinsam einzuladen. Die Schüler:innen waren dann bspw. in der Vor- und Nachbereitung sowie der Umsetzung von Gesprächsabenden mit Eltern, Lernenden und Lehrkräften eingebunden, haben sich um die räumliche Dekoration und um das leibliche Wohl der Gäste mit selbst hergestellten Snacks gekümmert, haben Rundgänge durch die Unterrichts- und Werkräume angeboten und Ergebnisse ihrer Projektarbeiten vorgestellt.

Im Sinne einer indirekten Elterneinbindung wurden darüber hinaus Unterrichtsmaterialien entwickelt und erprobt. Schüler:innen bearbeiten gezielt Aufgaben, die sie aktivieren, ihre Eltern in den Prozess der Beruflichen Orientierung einzubinden. Auf diese Weise werden die Jugendlichen gestärkt, Verantwortung für den eigenen Orientierungsprozess zu übernehmen. Gleichzeitig können so die Kompetenzen der Eltern aktiviert und Ressourcen sichtbar gemacht werden. Es wurde davon ausgegangen, dass es so gelingen kann, Eltern, die durch direkte Formate nicht erreicht werden, in einem höheren Maße einzubinden.

Für einen ersten Schritt wurde eine interaktive Netzwerkkarte konzipiert, die den Personenkreis abbildet, der den Schüler:innen in der BO unterstützend zur Verfügung steht. Über einen Fragenkatalog besteht so die Möglichkeit, verschiedene Personen anzulegen und im eigenen sozialen Netzwerk zu verorten. Darüber hinaus wurde konkretes Unterrichtsmaterial in Form von Reflexions- und Übungsaufgaben entwickelt, die im ersten Schritt dazu beitragen, dass die Jugendlichen sich in selbstreflexiven Prozessen ihrer eigenen Bedürfnisse und ihrer Bedürfnisse bezogen auf die elterliche Unterstützung bewusst werden. In einem zweiten Schritt sollen sie lernen, diese systematisch den Eltern gegenüber zu kommunizieren. Dies kann z. B. über das entwickelte Unterrichtsmaterial geschehen. Das Ziel ist die Befähigung der Schüler:innen, vorhandene soziale Ressourcen ihres Umfeldes zielgerichtet in den eigenen Orientierungsprozess einzubinden bzw. sich weitere soziale Ressourcen zu erschließen. Die Materialien basieren auf einem systemischen wertschätzenden Grundverständnis (Rogers 1983) und schließen an Methoden und Techniken der systemischen Beratung an. Für die Unterrichtsmaterialien wurde entsprechend didaktisches Begleitmaterial für Lehrkräfte entwickelt und über die in Baden-Württemberg genutzte Verfahrensplattform BOaktiv (https://fr-vlg.de/dcnbng) zur Verfügung gestellt.

Erste Rückmeldungen aus Schulen zeigen die Wahrnehmung des angebotenen Materials als eine effektive ergänzende Strategie der Elterneinbindung in die schulische Berufliche Orientierung.

Zu den Autorinnen

Antonia Landgraf (MA), wiss. Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Jena. Projektmitarbeiterin #parentsonboard für das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw e.V.) und BO4P für das Institute of Research and Education (IRE) der Medical School of Hamburg.

Dr. Petra Westphal, Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Humanwissenschaften, Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie der Universität Paderborn. Projektmitarbeiterin BO4P für das Institute of Research and Education (IRE) der Medical School of Hamburg.

Kategorie/n :
Eltern, Elternratgeber